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Besuch in der LWL-Psychiatrie in Dortmund-Aplerbeck

Ankunft

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Frau Angelika Nehm, die Pressesprecherin, empfing uns an der Pforte. Es fiel sofort auf, dass sich die Menschen frei auf dem Gelände bewegten. Genau genommen konnte man gar nicht unterscheiden zwischen Patienten, Gästen und Personal.

Gespräch mit dem Ärztlichen Direktor

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Wie uns Herr Prof. Dr. Hans-Jörg Assion, der Ärztliche Direktor der LWL-Klinik Dortmund, in unserem direkt anschließenden Gespräch erläuterte, sind die wenigsten Stationen geschlossene. Gerade nach Änderung des PsychKG Ende 2016 wird umso mehr auf die Freiwilligkeit der Patienten gesetzt. „Was tut man aber, wenn jemand partout vom Krankenhausgelände hinunter spazieren möchte?“ fragten wir Herrn Dr.Assion. „Die Bediensteten müssen auf die Person einreden und sie dazu bewegen freiwillig wieder umzukehren.“ Das scheint wohl auch im Großteil der Fälle tatsächlich zu funktionieren.

 

Wartezeiten

Im interessanten Gespräch mit Herrn Dr.Assion erfuhren wir, dass es Wartezeiten sowohl für die stationäre als auch für die ambulante Behandlung gäbe. Wenn alle Plätze voll seien, würden Menschen auch erst einmal gar nicht unter gebracht.

Als Beispiel nannte Herr Dr.Assion die Spezialsprechstunde für die Erkennung des Asperger Autismus. Dafür gäbe es regelmäßig ein Jahr Wartezeit. Dies sei aber ein Extrembeispiel. Sechs Monate Wartezeit für die stationäre Unterbringung und drei bis vier Wochen für die Ambulanz seien normal.

Der normale Weg ins LWL-Krankenhaus laufe vom Hausarzt über den Facharzt ins Krankenhaus. Man kann aber auch direkt zur ambulanten Behandlung gehen, wofür man wie beschrieben drei bis vier Wochen Wartezeit einkalkulieren muss.

Psychologen kommen in dieser Abfolge gar nicht vor, denn sie sind keine Ärzte.

Technik in der Psychiatrie

Zum Abschluss des Gesprächs stellten wir noch ein paar Fragen zu technischen Aspekten der Arbeit in der Psychiatrie. Herr Dr.Assion berichtete, dass es eine App-Lösung für Patienten und Betreuer geben werde. Diese App soll den Betreuern individuelle Informationen über die Patienten liefern. Offensichtlich ist dabei das Thema Datenschutz bzgl. der Sicherheit der Lösung als auch der Vorhaltung der Daten von erheblicher Bedeutung. Herr Assion versicherte, dass darauf größtes Augenmerk gelegt werde. Wir PIRATEN werden uns das genauer anschauen. Wenn du liebe Leserin, lieber Leser dazu gute Informationen hast, lasse sie uns bitte hier über die Kommentarfunktion oder über martin.kesztyues@lwl.org oder 0251/5915450 zukommen.

Körperpsychotherapie

Nach dem informativen Gespräch mit Herrn Dr.Assion ging es weiter zum Körperpsychotherapeuten oder auch humanistischen Psychotherapeuten, wie Herr Uwe Hillebrandt sich gern selbst nennt.

„Eine Krise ist wie eine Wolke vor der Sonne.“

Herr Hillebrandt arbeitet mit Improvisationstheater, Musik und Tanz. Dabei geht es meist darum, andere Rollen zu erfahren, Selbstbestimmung gegenüber Fremdbestimmung zu leben. Denn Einengung kann zu Krisen führen. Ganz wichtig ist aber auch vor allem bei Depressionserkrankten einfach Lebensfreude zu spüren, wozu die Tanztherapie gut geeignet ist. Herr Hillebrandt brachte eine schöne Metapher zu Depressionen. Er meinte, eine Krise sei wie eine Wolke vor der Sonne. Es liegt gar nicht viel zwischen dem Glücklichsein und einem depressiven Zustand. Nichtsdestotrotz liegt die Sonne für depressive Menschen hinter einer Wolke verborgen und man müsse sich bemühen, das Bewusstsein zu stärken, dass eine Sonne vorhanden sei und dann die Wolke beiseite schieben.

Musiktherapie

Interessant fanden wir Herrn Hillebrandts Beispiele für die Musiktherapie. Über Musik generell lassen sich unbenutzte Areale im Gehirn öffnen. Trommeln speziell zum Beispiel helfe, um Menschen zu erden, herunter zu holen. Dies funktioniere besonders gut bei manischen Menschen. Der Tanz Salsa ließe Menschen wieder Lebensfreude gewinnen.

Internetsucht

Uns als PIRATEN interessierte besonders das Thema Internetsucht. Dafür gibt es zwar eine extra LWL-Suchtklinik in Bochum. Herr Dr. Hildebrandt konnte uns aber dennoch einen kleinen Einblick geben.

Bei Süchten ginge es darum, dass Menschen etwas suchten. Es ginge sehr oft um Sehnsüchte, wie solche nach Kontakt. Das Internet sei daher jeweils nur die Brücke, die verwendet würde, um die Sehnsucht zu stillen. Sprich, ohne Internet sind die Sehnsüchte auch vorhanden, das Internet öffnet nur viele Türen zum vermeintlichen Ziel.

Pflegezentrum

uzwasserhochwasserDSC_9162_01Nach Herrn Dr.Hildebrandt ging es weiter ins Pflegezentrum. Frau Sigrun Hüther ist dort die Leiterin. Es gibt sechs Wohngruppen, in denen Menschen mit psychischer oder geistiger Behinderung leben. Meist handelt es sich dabei um ehemals Obdachlose und/oder demente Patienten. Die meisten Menschen leben in fünf von sechs geschützten Umgebungen, das bedeutet, sie haben keinen freien Ausgang. Die Wohngruppen sind diagnosespezifisch belegt.

 

 

Viele durchlaufen als erstes eine Entgiftung. Sucht ist ein großes Thema im Pflegezentrum. Menschen ab Mitte 40 und mit einer Suchtproblematik gelangen oft ins Pflegezentrum. Insgesamt arbeiten dort 75 Angestellte bei 78 Bewohnerinnen und Bewohnern, wobei die meisten Angestellten in Teilzeit beschäftigt sind.

Patienten

uzwasserhochwasserDSC_9164_01Zum Schluss durften wir noch einige Patientinnen und Patienten kennen lernen. Frau K. war ausdrücklich damit einverstanden, fotografiert zu werden, bei Frau R. durften wir ins Zimmer schauen, und mit Frau S. konnten wir uns kurz unterhalten. Sie lebt bereits 45 Jahre im Pflegezentrum und scheint dabei glücklich zu sein. Als Frau Hüther mit ihr über ihre Behinderung sprach, sagte sie wortwörtlich: „Das Vögelchen habe ich schon länger.“, und meinte damit ihren eigenen Geisteszustand. Das löste einige Heiterkeit in unserer kleinen Gruppe aus.

 

 

Gespräch mit einem Pfleger

uzwasserhochwasserDSC_9165_01Die letzte offizielle Station war ein Gespräch mit Herrn Bieder, einem Pfleger in der Suchtabteilung. In seiner tagtäglichen Arbeit geht es vor allem um den Entzug von Alkohol. Vorher arbeitete er sieben Jahre im Entzug von illegalen Substanzen. Als Praktiker befragten wir ihn zu den neuen Regelungen im PsychKG und den Auswirkungen auf seine Arbeit. Grundsätzlich begrüßte er die Öffnung, stellte jedoch klar, dass ein offener Betrieb mehr Personal benötige als derzeit zur Verfügung stehe.

Therapie

Eine normale Therapie im Alkoholsuchtbereich dauert 21 Tage. Mit Medikamenten würden die Patienten langsam entgiftet. 10 Tage dauert die Therapie bei Cannabis-Abhängigen. Dort gebe es aber auch ambulante Gruppen. Der Unterschied zwischen Alkohol und Cannabis sei, dass Cannabis rein psychisch wirke, der Körper daher nicht entgiftet werden müsse. Die Therapie von Alkoholkranken sei daher länger aber auch im direkten Vergleich teurer.

Eher Männer

Herr Bieder stellte dar, dass im gesamten Suchtbereich eher Männer anzutreffen, bei Tablettenabhängigkeit aber die Frauen gefährdeter seien.

Rückfallquote

Ernüchternd war die Nennung der Rückfallquote. 90% der Alkoholkranken würden wieder und wieder ins Krankenhaus eingewiesen. Und bei älteren Menschen sei das Risiko noch größer.

Motivation

Auf die Frage von unserem Sozialausschussmitglied Christina Worm, wie man die Motivation bei den Pflegekräften hoch halten könne, erwiderte Herr Bieder, dass man für die jeweilige Aufgabe geboren sein müsse. Einige kämen eher mit den Langzeitbehandlungen von psychisch Kranken zurecht, andere wie er zögen Erfüllung aus der Arbeit an Suchtkranken. Man wisse zwar, dass viele nach kurzer Zeit zurück kämen. man würde Ihnen aber in der Zeit der Suchtbehandlung im Krankenhaus etwas Gutes tun, indem der Körper entgiftet würde und sie dadurch wenigstens eine kurze Zeit gesund lebten. Er würde einfach notwendige lebenserhaltende Maßnahmen durchführen, diese seien vergleichbar mit der Behandlung nach einem schweren Unfall. Nur dass die Patienten zu 90% wieder kämen.

Ihm gefiel in der Suchtbehandlung, dass er Zeit habe für lange Gespräche mit den Patienten, aus denen er in seinem relativ jungen Alter viel ziehen könne. Diese Gespräche gehörten zur Therapie dazu.

Phönix Haus

Zum Abschluss zeigte Frau Nehm uns das neue Krankenhausgebäude. Hier ein paar Impressionen:

“Ex-In-Genesungsbegleiter”

Die Bilder stammen von einem Künstler, der auch einmal Patient im Krankenhaus war, Herrn Guido Elfers. Heutzutage hilft er Patienten mit seinem eigenen Hintergrund gut durch die Therapie zu kommen. Dieses Projekt heißt „Ex-In-Genesungsbegleiter“ und beinhaltet Fortbildungen über einen längeren Zeitraum. Eine gute Sache, wie wir LWL-Piraten finden.

Vielen Dank an das LWL-Krankenhaus in Dortmund Aplerbeck. Wir haben den Besuch genossen und kommen gerne (freiwillig) wieder :) .

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